Integration & Architektur

Wie integriert man KI in bestehende ERP-, CRM- und DMS-Systeme?

Marius Jeskulke
Marius Jeskulke · Partner
·5 Min. Lesezeit

Die meisten Unternehmen haben nicht ein System, sondern fünf bis fünfzehn. ERP, CRM, Dokumentenmanagement, Ticketing, E-Mail, Zeiterfassung. Die Systeme sind über Jahre gewachsen, oft schlecht miteinander verbunden, und niemand hat einen vollständigen Überblick. Genau in diese Landschaft soll jetzt KI rein.

Die gute Nachricht: Das erfordert keine Migration, keinen Systemwechsel und kein Infrastrukturprojekt. KI arbeitet mit den Daten dort, wo sie liegen. Es braucht nur eine Schicht darüber, die versteht, welches System für welche Frage relevant ist.


Ohne Anbindung an Ihre Systeme bleibt KI ein besserer Textgenerator

Die meisten KI-Tools arbeiten in einer Blase. Sie nehmen Text rein und geben Text raus. Das ist nützlich für E-Mails und Zusammenfassungen, aber es ändert keine Geschäftsprozesse.

Der eigentliche Wert entsteht erst, wenn die KI Zugriff auf Ihre Daten hat: wenn sie ein Angebot nicht nur formulieren, sondern direkt im ERP anlegen kann. Wenn sie nicht nur eine Ausschreibung zusammenfasst, sondern die relevanten Positionen aus Ihrem Produktkatalog zuordnet. Wenn sie ein Support-Ticket nicht nur beantwortet, sondern den Status im CRM aktualisiert.

Ohne diese Integration bleibt zwischen der KI und Ihrem Geschäftsprozess immer ein Mensch, der kopiert, einfügt und abgleicht. Genau das ist die Arbeit, die Sie eigentlich automatisieren wollten.


Eine Orchestrierungsschicht verbindet, was einzeln nie zusammenspricht

Die Lösung ist nicht, jedes System einzeln KI-fähig zu machen. Copilot kann auf Microsoft-Daten zugreifen, SAP Joule auf SAP-Daten. Aber was, wenn der KI-Agent für die Angebotserstellung gleichzeitig Daten aus dem ERP, dem CRM, dem Dokumentenmanagement und der Zeiterfassung braucht?

Genau dafür gibt es eine Orchestrierungsschicht: eine Software, die zwischen dem Sprachmodell und Ihren Systemen sitzt. Das Sprachmodell entscheidet, welche Information es braucht. Die Orchestrierung weiß, in welchem System diese Information liegt und wie man sie holt.

Das funktioniert systemübergreifend. Nicht fünf einzelne KI-Inseln für fünf Systeme, sondern ein Agent, der alle Systeme gemeinsam nutzen kann. Ein Fertigungsunternehmen hat so seine gesamte Angebotskette automatisiert: Die KI liest Ausschreibungsdokumente, ordnet Positionen im ERP zu, erstellt das Angebot und legt es im Ticketing-System ab. Ein durchgängiger Prozess über vier Systeme, der vorher manuelles Hin-und-Her zwischen Abteilungen erforderte.

Das ist modellunabhängig. Die Orchestrierungsschicht arbeitet mit verschiedenen Sprachmodellen: GPT, Claude, Gemini. Wenn morgen ein besseres Modell verfügbar ist, tauschen Sie es aus, ohne die Integration anzufassen. In der Praxis dauert ein Modellwechsel ein bis zwei Wochen, hauptsächlich für die Prüfung der Ergebnisqualität.

Orchestrierungsschicht: Ein KI-Agent in der Mitte verbindet ERP, CRM, DMS, E-Mail, Zeiterfassung und Ticketing. Kein Systemwechsel, keine Datenmigration.
Orchestrierungsschicht: Ein KI-Agent in der Mitte verbindet ERP, CRM, DMS, E-Mail, Zeiterfassung und Ticketing. Kein Systemwechsel, keine Datenmigration.

Lesend starten, schreibend erweitern

Ein häufiges Missverständnis: KI-Integration bedeutet, dass die KI sofort in Ihre Systeme schreibt. Das ist nicht der erste Schritt.

Der Einstieg ist lesender Zugriff. Die KI durchsucht Ihre E-Mails, Dokumente, Datenbanken und Wissenssysteme, um Informationen zusammenzutragen, die ein Mensch sonst manuell sammeln müsste. Das allein hat bereits enormen Wert. Ein Unternehmen hat seiner KI Lesezugriff auf zweieinhalb Monate E-Mail-Verlauf gegeben. Die eigenständige Recherche über diesen Zeitraum hätte manuell Tage gedauert.

Schreibende Zugriffe kommen danach, schrittweise und kontrolliert. Ein Angebot als Entwurf im ERP anlegen, ein Support-Ticket aktualisieren, eine E-Mail als Draft vorbereiten: immer mit menschlicher Bestätigung, bevor es nach außen geht. Irreversible Aktionen (Ordner anlegen, Daten löschen, Aufträge auslösen) bleiben grundsätzlich beim Menschen.

Mit wachsendem Vertrauen kann die Autonomie zunehmen. Für wiederkehrende, risikoarme Aktionen lässt sich ein maschinelles Risikomanagement aufbauen, das die Freigabe automatisiert, wenn das Ergebnis mit hoher Sicherheit korrekt ist. Das ist keine unkontrollierte Autonomie, sondern eine schrittweise Erweiterung, die auf messbarer Qualität basiert.

Drei Stufen der Integration: Lesend starten (Daten zusammentragen), schreibend erweitern (Entwürfe anlegen mit Bestätigung), autonom handeln (risikoarme Aktionen automatisiert freigeben)
Drei Stufen der Integration: Lesend starten (Daten zusammentragen), schreibend erweitern (Entwürfe anlegen mit Bestätigung), autonom handeln (risikoarme Aktionen automatisiert freigeben)

Drei Wege, wenn ein System sich nicht öffnen will

Die ehrliche Wahrheit: Manche ERP-Systeme sind nicht dafür gebaut, von außen angesprochen zu werden. Die Logik ist invertiert, Prozesse werden intern ausgelöst, Schnittstellen sind schlecht dokumentiert oder fehlen ganz. In solchen Fällen gibt es trotzdem immer einen Weg:

Lesender Datenbankzugriff. Viele Systeme berechnen Ergebnisse intern und speichern sie in Views oder Tabellen, auf die man lesend zugreifen kann. Das reicht für die meisten Analysezwecke und erfordert keine Änderung am System selbst.

API durch die IT des Kunden. Die eigene IT stellt einen Zugangspunkt bereit, der die interne Logik kapselt. Das ist der sauberste Weg: Die IT kontrolliert, was zugänglich ist, und wir nutzen den bereitgestellten Zugang für die KI-Anbindung.

Visueller Agent als Notlösung. Wenn weder Datenbankzugriff noch API möglich sind, kann ein Agent das System über die Benutzeroberfläche bedienen, wie ein Mensch es tun würde. Das ist nicht elegant und nicht schnell, aber es funktioniert als Brücke, bis eine bessere Schnittstelle verfügbar ist.

In der Praxis ist das Problem häufiger organisatorisch als technisch. Die technische Möglichkeit existiert fast immer. Was manchmal fehlt, ist der Wille der IT-Abteilung, Zugriff einzuräumen. Ein konkreter Use Case mit messbarem Nutzen ist das beste Argument, um diese Tür zu öffnen.

Drei Wege zur Integration: Lesender Datenbankzugriff (kein Eingriff ins System), API durch die Kunden-IT (sauberste Lösung), visueller Agent als Notlösung (Bedienung über die Oberfläche)
Drei Wege zur Integration: Lesender Datenbankzugriff (kein Eingriff ins System), API durch die Kunden-IT (sauberste Lösung), visueller Agent als Notlösung (Bedienung über die Oberfläche)

Sie müssen nicht auf das nächste ERP-Update warten

Die häufigste Verzögerung bei KI-Projekten: "Wir sind gerade mitten im ERP-Wechsel, lassen Sie uns danach anfangen." Das klingt vernünftig, verschiebt den Start aber oft um ein bis zwei Jahre.

Die Orchestrierungsschicht macht das unnötig. Sie arbeitet mit dem Ist-Zustand Ihrer Systeme. Wenn parallel eine SAP-Einführung läuft, startet die KI trotzdem mit den bestehenden Systemen. Wenn das neue System dann live geht, ändert sich nur die Schnittstelle. Die KI-Logik, die Prompts, die Workflows bleiben gleich.

Unternehmen berichten, dass genau das Gegenteil passiert: Die KI-Initiative beschleunigt die Digitalisierung. Weil der KI-Use-Case konkreten Datenzugriff erfordert, werden Blockaden gelöst, die seit Jahren bestehen. Nicht weil jemand ein Digitalisierungsprojekt gestartet hat, sondern weil ein konkreter Nutzen den Aufwand rechtfertigt.


In Stunden zum ersten Ergebnis, ohne Ihr System anzufassen

Der Einstieg braucht keine Systemintegration. Wir starten mit Beispieldaten: zehn Ausschreibungen, zwanzig Rechnungen, ein Export aus dem CRM. Daraus entsteht in wenigen Stunden eine funktionierende erste Version, die zeigt, was die KI mit Ihren realen Daten leisten kann.

Erst danach binden wir die echten Systeme an, inkrementell, System für System. Die Schwierigkeit variiert dabei erheblich: Manche Systeme (Confluence, Jira) lassen sich in wenigen Stunden anbinden. Andere (SharePoint, spezialisierte HR-Systeme) brauchen mehr Aufwand. Alte ERP-Systeme mit schlechter Dokumentation sind die schwierigsten, aber auch dort gibt es Wege.

Der Parallelbetrieb zum bestehenden Prozess ist dabei selbstverständlich. Kein Systemwechsel, kein Big Bang. Die KI arbeitet neben Ihren bestehenden Abläufen. Wenn sie funktioniert, nutzen Sie sie. Wenn nicht, machen Sie weiter wie bisher. Der bisherige Prozess bleibt in jedem Schritt als Fallback verfügbar.


Marius Jeskulke
Über den Autor
Marius Jeskulke
Partner

Marius Jeskulke bringt 20 Jahre Erfahrung in der Softwareentwicklung mit — vom Entwickler über den CTO bis zum Unternehmer. Heute begleitet er mit Deyan7 mittelständische Unternehmen bei der wertschöpfenden Integration von KI.

NÄCHSTER SCHRITT

In einem ersten Gespräch klären wir: Welche Systeme sind im Einsatz? Wo fließen Informationen manuell zwischen Systemen? Welcher Prozess hat den höchsten Hebel? Danach wissen Sie, ob und wie KI-Integration in Ihrer Systemlandschaft funktioniert. Keine Migration, kein Infrastrukturprojekt, keine Vorab-Investition in neue Systeme. Nur ein konkreter Plan, der mit Ihrem Ist-Zustand arbeitet.

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